Lohnerhöhungen, Inflation und der endlose Kreislauf der Unzufriedenheit
Neujahrsperioden sind nahezu überall ein Wendepunkt, an dem wirtschaftliche Erwartungen neu justiert werden. In der Türkei jedoch wird dieser Wendepunkt seit Langem vor allem durch die Debatte über Lohnerhöhungen interpretiert. Mindestlohnerhöhungen, Gehaltsanpassungen für Beamte, Tarifverträge und Gehaltserhöhungen für Angestellte im weißen Kragen führen dazu, dass sehr unterschiedliche Gruppen – obwohl sie derselben Inflation ausgesetzt sind – mit völlig verschiedenen Erwartungen konfrontiert werden. Das daraus entstehende Bild ist meist vertraut: Fallen die Lohnerhöhungen gering aus, wächst die Unzufriedenheit; fallen sie hoch aus, treiben steigende Kosten die Inflation erneut an.
An diesem Punkt denke ich, dass das Problem nicht nur darin besteht, „wie hoch die Erhöhung ist“, sondern vielmehr in der Beziehung zwischen Lohnsteigerungen und der Gesamtwirtschaft. Wenn die Verbindung zwischen Einkommenswachstum und Preisentwicklung reißt, fühlt sich jeder dauerhaft auf der Verliererseite. Und in den letzten Jahren ist dies keineswegs nur ein türkisches Problem gewesen.
Die USA und Europa: Konfrontation mit ungewohnter Inflation
In der Zeit nach 2021 sahen sich die USA und Europa mit Inflationsraten konfrontiert, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatten. Während die Verbraucherpreisinflation in den USA 2022 nahezu 9 % erreichte, verzeichneten mehrere Länder der Eurozone zweistellige Werte. Für westliche Volkswirtschaften bedeutete dies einen psychologischen Bruch, da Inflation lange Zeit als „Ausnahmezustand“ galt.
In diesem neuen Umfeld beschleunigten sich die Lohnsteigerungen, und Gewerkschaften kehrten mit deutlich aggressiveren Forderungen an den Verhandlungstisch zurück. Das Ergebnis war jedoch bemerkenswert ähnlich: Höhere Löhne erhöhten die Kosten, diese Kosten schlugen sich in Preisen nieder, und es entstand eine Lohn-Inflations-Spirale. Mit anderen Worten: Ein Kreislauf, den die Türkei seit Jahren kennt, wurde – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – zu einem globalen Phänomen.
Genau an dieser Stelle bietet Japan einen auffälligen Gegenpol.
Japan: Arbeiten in einer inflationsfreien Wirtschaft
Japan erlebt seit fast 30 Jahren eine Phase niedriger Inflation und zeitweise sogar Deflation. Laut Daten der OECD und der Bank of Japan lag die durchschnittliche jährliche Inflation zwischen 1995 und 2020 im Bereich von 0–1 %. Die Reallöhne stagnierten in dieser Zeit weitgehend.
Auf den ersten Blick mag dies nach „Stabilität“ klingen. Doch diese Stabilität hat ihren Preis: eine schwache Binnennachfrage, geringer Konsum und begrenztes Wachstum. Besonders interessant ist jedoch Folgendes: Japanische Arbeitnehmer leben nicht in einer permanenten Erwartung von Lohnerhöhungen.
Woher kommt Motivation ohne Lohnerhöhungen?
Diese Frage hat mich am meisten innehalten lassen. Gibt es keine Inflation, gibt es auch keine dauerhafte Erwartung steigender Löhne. In Japan speist sich die Motivation der Beschäftigten weniger aus Gehaltssteigerungen als aus Arbeitsplatzsicherheit, organisatorischer Loyalität und gesellschaftlicher Stabilität.
Langfristige Beschäftigungsverhältnisse, vorhersehbare Lebenshaltungskosten und geringe Preisschwankungen erleichtern es den Menschen, ihre Zukunft zu planen. Statt sich zu fragen: „Wie komme ich durch diesen Monat?“, können sie sich auf die Frage konzentrieren: „Wo werde ich in zehn Jahren stehen?“ Das mag das Wirtschaftswachstum bremsen, senkt jedoch das gesellschaftliche Stressniveau deutlich.
Natürlich ist das japanische Modell alles andere als perfekt. Niedriger Konsum, eine alternde Bevölkerung und eine begrenzte Innovationsdynamik bergen erhebliche Risiken. Dennoch bietet die Idee eines inflationsfreien Arbeitslebens eine lehrreiche Perspektive für Länder, die von endlosen Lohndebatten geprägt sind.
Lehren für die Türkei
Die Türkei kann und sollte kein langfristiges Stagnationsmodell wie Japan verfolgen. Doch Japan besitzt eine unbestreitbare Stärke: Preisstabilität. Meiner Ansicht nach ist es ohne eine nachhaltige Senkung der Inflation unmöglich, Lohnverhandlungen in der Türkei auf eine gesunde Grundlage zu stellen.
Die Lösung liegt nicht in einmaligen, hohen Lohnerhöhungen, sondern in Planbarkeit. In einem Umfeld, in dem die Inflation dauerhaft gesenkt wird, Einkommenszuwächse durch Produktivität gestützt sind und Preiserwartungen verankert werden, verlieren Lohnerhöhungen ihren Krisencharakter. In diesem Sinne erinnert uns das japanische Modell an etwas Grundlegendes: Was Menschen wirklich motiviert, ist nicht, jedes Jahr mehr zu verdienen, sondern den Wert dessen zu erhalten, was sie verdienen.
Wenn in der Türkei wirtschaftliche Stabilität erreicht wird, werden Lohnerhöhungen keine Quelle permanenter Unzufriedenheit mehr sein, sondern zu einem normalen Steuerungsinstrument werden. Andernfalls ändern sich zwar die Zahlen – die Debatte jedoch bleibt dieselbe.